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Die Metamorphosen der christA frontzeck oder Die Aufhebung des Banalen als Kunstprogramm

 

von Prof. Dr. Olav Münzberg, UdK, Berlin

 

Am liebsten Wolle und ein auf dem Kopf stehendes Dreieck. - Balancieren Sie gerne? Wußten Sie schon, daß sich hinter römischen Ziffern Zeilen und die harten Schläge der Maschinen aus Druckereibetrieben verbergen, von der Dichterin zu ZeilenSchlägen zusammengezogen? Das würde den monumentalen Lettern auf Grabsteinen gefallen, die unter ZeilenSchlägen zusammensacken, könnten diese so doch wieder selbständig und damit lebendig sein, ohne herumzugeistern: im Letternweh.

 

Fragenbedeckt

ist das Licht

des Halbmonds

 

kinderschwer

die Gedankenspiele

des Unvermeidlichen

 

Vor den Namen

lernen Antworten

lächeln

 

mit Regeln

nährt

die zweite Stimme

 

Nachruf

reißt

als Erbstück

Gräben auf

 

Erinnerungen

sind Jagdszenen

im Palast der Liebe

 

nicht alle

leben schattenfroh

 

der Tau der Frauen

dient sich alt

 

 

Führt Zeit

ins hohe Meer

?

Da kuscht ein Wort, da es im Vergleich zu den anderen kleiner geschrieben wird. Hört man es mit den anderen, ist es von gleichem, egalitären Rang. Da ist die Bedeutung nicht umgekippt oder hat sich nicht zur Metamorphose ins Gebüsch begeben. Fragen bedeckt heißt dann nicht notwendig: von Fragen bedeckt, sondern, da ins Gebüsch - wie so oft - mit Fragen gerannt, halte ich mich mit Fragen bedeckt. Ich habe Fragen, aber ich frage nicht. Ich prüfe und lauere, ob ich mit meinen Fragen wie Hölderlin "Ins Offene" kann oder unter Blättern bleiben soll: also bedeckt von etwas und mit etwas zugleich: zungenbelegt.

Wenn das Wort "ist" - ansonsten bloß Gelenk und Verbindungsinstanz - visuell am stärksten hervortritt, und eben so groß - und doch ein wenig nachrangig auf Grund von ´halbfettem` Druck ein bloßer Artikel, wenn also zwei in einem Satz eher unscheinbare Worte als besonders wichtig betont werden, verblassen ein wenig die anderen: das "Licht des Halbmonds" wird in das kalte Licht der Mondnacht getaucht und, was bedeckt ist, liegt sowieso im Schatten.

In einer Definition soll nach der Logik des Aristoteles das, was rechts vom Gleichheitszeichen steht, das zu Definierende mit seinem genus proximum und der differentia specifica erhellen. Aber in der Poesie verdunkelt die rechte Seite die linke. Logisch gesehen sitzt das Konkrete rechts und das Abstrakte links, das heißt, der Aufstieg, die Anabasis, ist in Wahrheit ein Abstieg, ein Weg vom Begriff zum Bild herunter: von Fragen bedeckt zum "Licht des Halbmonds". In Wahrheit wird das "Licht des Halbmonds" definiert. Es bedeutet mit Fragen bedeckt, unter Fragen ächzen oder man fragt nicht, man hält sich bedeckt. Ist es Vorsicht? List? Kalkül? Die Zeilen lassen visuell, aber auch in der Bedeutung alles offen.

Und wir wissen nicht einmal, ob wir es überhaupt mit einer Bestimmungs - beziehungsweise mit einer Definitionsabsicht zu tun haben. Durch das fettgedruckte "ist" in der Mitte, das sich wie ein Dachfirst heraushebt, fallen beide Seiten, wenn auch im Timbre und in der Länge unterschieden, strukturell gleichlang herab. Unsere Vorstellungen sammeln sich zu beiden Seiten in den Dachrinnen. Wir sitzen wie Vögel darauf. Wir blicken auf Fragen bedeckt und auf das "Licht des Halbmonds". Mehr geht nicht in Gedichtsätzen, die sich dem Logischen, von dem sie zehren, gleichzeitig verweigern.

Und doch setzt das Visuelle noch einmal dem Leser zu. Es stiftet eine Triade, die noch eine zusätzliche Verknappung ermöglicht. Die Worte "Licht", "des", "Halbmonds" liegen optisch wirklich im Schatten und sind vernachlässigungswert. Es reicht: "Fragen" "ist" "das". Was? Das Leben? Meine, deine Tätigkeit? Wie: Sterben ist das. Punkt. Nichts weiter. Lachen ist das. Punkt. Nichts weiter.

Das Material, das die Dichterin benutzt, ist aus der Zeitung gefischt. Als Gedrucktes und Vorgegebenes wirkt es banal wie der Flaschentrockner von Duchamps. Aber die Konstellation verblüfft, ohne daß deren Elemente ihre Banalität gänzlich abstreifen. Der Zeitungsrest bleibt unausrottbar beim Betrachter haften. Wie eine blubbernde Blase sind sie aus dem Zeitungssee aufgetaucht und geben ihre bisher verborgene Ladung auf einer neuen, geradezu weißen Oberfläche ab, in dem sie zerspringen und ihre sonstige Banalität verlassen.

Selbst der bestimmte Artikel "das" ist mehr als jetzt kenntlich werdende und als bloße Verstärkung dienende Hinweisrichtung. Der Hinweis, im Griechischen "deixis" wird mitten im Akt des Hinweisens abgebrochen: Fragen ist das.

Die Dichterin spielt mit der Vor -und Rückbezüglichkeit. Aus Lust. Langeweile taugt nicht für die Poesie, auf die sie aus ist.

Das banale Transponieren in den Takt eines Dreizeilers im Akustischen: "Fragenbedeckt / ist das Licht / des Halbmonds" und in die Lineaturen eines Siebenzeilers im Visuellen mit der Vorstellung: das nach Anzahl der Buchstaben längste Wort "Halbmond" als Schlußzeile zur Basis beziehungsweise zum Fundament für alles Darüberliegende zu machen. Das Ende ist Anfang, der Anfang Ende.

Wir müßten bei den folgenden Gedichtsätzen ebenso das Akustische vom Visuellen unterscheiden. Die Dichterin wandelt das Akustische ins Wortplakat. Sie erhebt jenes aus dem Laut ins Bild und mutiert dessen Bedeutung. Die Gedichtsätze der Dichterin müssen nicht nur gehört, sie müssen gesehen werden.

Es sind Wortmonumente, die in die Flut der Reklametafeln dieser Zeit geworfen werden müssen. Das ist auch das Arbeitsprinzip der Dichterin, deren Energie die Einmischung ist wie früher Kubismus oder Dada.

Jetzt: Gedichte an Wände zu werfen. Früher: an Bäume zu hängen.

Ironie führt sie auch mit bei, weil sie einerseits dem Material huldigt und von ihm abhängig bleibt, andererseits es seinen mechanischen Zwängen und Fixierungen entreißt.

Das Wortdesaster "führt / Zeit / ins hohe / Meer / ? /" greift einerseits die Zeitung "Die Zeit" in ihrem Anspruch, die Zeit in Deutschland jeweils zu sein, an und bleibt deren Macht gleichzeitig verhaftet. Das manchmal Tantenhafte dieser Zeitung wird erinnert und gleichzeitig ins Groteske, "ins hohe Meer" geschwemmt, das teilweise Pseudointellektuelle durchschaut, beziehungsweise als bloß Handwerkliches demaskiert und in einer first reflection überstiegen.

So kämpft sich die Künstlerin von Satz zu Satz und transportiert das Banale ins Erhebliche. Zugleich spielt sie. Sie stellt wie die abstrakte Kunst eigene Regeln auf. Sie zerstört die Hierarchien des Banalen durch Gleichrang. Und sie kippt, um diesen zu halten, das Egalitäre, wenn es langweilig wird. Und es wird langweilig, sobald es uniform wird. Die Künstlerin (und Dichterin) greift dann zur Kleinschrift oder zu Wortspangen, zum Beispiel in "Der Tau der Frauen / dient sich alt", wird visuell in eine Stufenform transportiert: "Der / Tau / der/" und in die Wortspange "Frauen / ... / ... / Alt". Beide Worte stehen zueinander wie Erdgeschoß und Etage. Und auch das stimmt nur zur Hälfte.

 

 

Alle Unendlichkeit läßt Vieles zu. Die Spiele der Dichterin haben etwas von dieser Unendlichkeit. Weil sie diese enthalten, sind sie Poesie. Und die Unendlichkeit des Materials zwingt sie zur Notwendigkeit, es immer wieder zu ersteigen, ohne es zu zerstören oder verringern zu können. Das ist ihr und ihres Bündnispartners, des Lesers gemeinsamer Jammer.